Akzente - Zeitschrift für Dichtung

Kulturpolitische und literarische Zeitschriften bildeten einen wichtigen Bestandteil des kulturellen Lebens der Nachkriegszeit. Anders als Buchpublikationen, konnte das Medium Zeitschrift aktuelle Probleme und Tendenzen schnell und flexibel thematisieren und kontrovers erörtern. Bereits im September 1945 erschien das erste Heft der kulturpolitischen Monatsschrift "Der Aufbau" in der damaligen sowjetischen Besatzungszone, im November folgte "Die Wandlung", herausgegeben u.a. von Karl Jaspers und Dolf Sternberger. Im August 1946 erschien die von Alfred Andersch und Hans Werner Richter redigierte Zeitschrift "Der Ruf - Unabhängige Blätter der jungen Generation". Hans Paeschke gab ab 1947 den "Merkur - Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken" heraus, ein Forum des Gedankenaustauschs zwischen Geistes- und Naturwissenschaften.

Während bei den Zeitschriften, die unmittelbar nach 1945 erschienen, meist politische Themen im Vordergrund standen, machte sich in den frühen 50er Jahren das Bedürfnis nach neuen Foren für aktuelle literarische Entwicklungen bemerkbar. Insbesondere der Umstand, dass Deutschland während seiner nationalsozialistischen Ära den Anschluss an die internationale Literaturszene verloren hatte, wurde als Defizit empfunden.

So fasste Walter Höllerer im Jahr 1952 den Entschluss, eine Literaturzeitschrift zu gründen, welche die empfundenen Lücken füllen sollte. Als Verleger kam Carl Hanser in Frage, der bereits Höllerers rege und positiv aufgenommenen Gedichtband "Der andere Gast" herausgegeben hatte und auf die Idee der Zeitschriftengründung positiv reagierte. Am 27.11.1952 fasst Höllerer die Konzeption der Zeitschrift gegenüber Hanser folgendermaßen zusammen: "Höchstes Niveau und internationales Format. Keine zänkische, lokalpatriotische Stubenluft. Deutsch, aber nicht teutsch." Herbert G. Göpfert, damaliger Lektor des Hanser Verlages, schreibt am 27.4.1953 an Höllerer: "Über Wesen und Aufgabe der Zeitschrift sind wir uns im klaren: sie soll die fehlende repräsentative deutsche Literaturzeitschrift sein, sie soll das Organ sowohl für die ältere wie für die jüngere Generation sein, sie soll auch wichtige Stimmen des Auslands zu Wort kommen lassen."

Damit war das Programm der Zeitschrift "Akzente" umrissen. Allerdings hatte das Projekt, bevor 1954 die erste Ausgabe erschien, noch eine nicht unbeträchtliche Krise zu meistern. Diese ergab sich, als Günter Eich, der als Mitherausgeber vorgesehen war, im November 1953 zur Überraschung aller Beteiligten erklärte, er müsse wegen der immensen Arbeitsbelastung aus dem Projekt austreten.

Schließlich fand sich noch ein Mitherausgeber: Hans Bender, der bereits die Zeitschrift Konturen herausgab und Höllerer in Heidelberg kennengelernt hatte. Er war es auch, der der Zeitschrift, die bis dato noch keinen letztgültigen Titel besaß, den Namen "Akzente" gab. Die erste Ausgabe erschien im Februar 1954. In der Folgezeit sollten die "Akzente" zur führenden deutschen Literaturzeitschrift werden, deren Abonnement für Generationen von Leserinnen und Lesern nahezu selbstverständlich war.

Vor allem  unveröffentlichte Gedichte von neuen Autoren wurden in den Akzenten veröffentlicht, aber auch die Lyrik wichtiger Autoren der Moderne wie Georg Trakl, Georg Heym, Ernst Stadler u.a. wurde wieder in Erinnerung gerufen. Wichtig war den Herausgebern auch der Kontakt zu im Exil lebenden Autoren: Thomas Mann, Elias Canetti, Erich Fried, Peter Weiss, Hilde Domin, Paul Celan und Nelly Sachs waren in den 50er und 60er Jahren wiederholt mit Beiträgen vertreten.

Neue Namen aus dem Umkreis der Gruppe 47 tauchten auf:  Ingeborg Bachmann, Martin Walser, Hans Magnus Enzensberger, Uwe Johnson, Ilse Aichinger, Günter Grass. Viele Texte, die während der  Treffen der Gruppe 47 erstmals gelesen wurden, waren in den "Akzenten" auch das erste Mal veröffentlicht. Sonderhefte zu bestimmten Themen- oder Länderschwerpunkten, aber auch die Dokumentation von literarischen Diskussionen und Autorentreffen gehören von Anfang an zum Programm der Zeitschrift.

Der Blick über die Sprach- und Ländergrenzen ist bis heute ein Markenzeichen der "Akzente" geblieben. In den 50er und 60er Jahren konnte man die französische, amerikanische und italienische Literatur in den "Akzenten" entdecken.  Aber auch der Blick in die östliche Richtung war regelmäßig vertreten: japanische und russische Lyriker wurden vorgestellt, der "Pegelstand Ost-West" - so die Überschrift zweier Sonderhefte - wurde durch Beiträge von Autoren aus dem Westen und dem Osten ausgelotet.

Walter Höllerer war bis Heft 6 / 1967 Mitherausgeber.  Hans Bender führte die Akzente bis 1975 alleine weiter, bekam dann Unterstützung durch Michael Krüger und zog sich 1981 aus der Herausgeberschaft zurück.

Im Bestand des Literaturarchivs Sulzbach-Rosenberg befindet sich die Redaktionskorrespondenz der "Akzente" aus den Jahren 1952-1970. Die Dokumente sind im Kalliope-Portal der Staatsbibliothek katalogisiert.